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Unter Druck: Zähneknirschen im Schlaf

Nacht im Schlafzimmer. Alles dunkel, alles schläft – alles still? Von wegen! Vor allem Kinder und Jugendliche pressen im Schlaf ihre Zähne aufeinander, reiben damit und knirschen. Bis zu 400 Kilo stark sind die Kräfte, die dabei wirken. Gewaltig! Zahnmediziner nennen das Knirschen Bruxismus. Und der ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen.

Rund ein Fünftel aller Menschen knirscht im Lauf des Lebens zumindest vorübergehend mit den Zähnen. „Bruxismus kommt während des Schlafens oder im Wachzustand vor“, erklärt Dr. Jacqueline Esch, Kinderzahnärztin und Stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands der Kinderzahnärzte (BuKiZ). Laut der Expertin trete Schlafbruxismus mit 14 bis 18 Prozent bei Kindern und 5 bis 6 Prozent bei Erwachsenen auf; bei den über 60-Jährigen sinke er auf etwa 3 Prozent.

Von ihrem Bruxismus merken die Wenigsten selbst etwas – aber die Folgen des nächtlichen Zähnereibens machen deutlich, dass etwas nicht stimmt: der enorme Druck, der beim Knirschen entsteht, mündet oft in morgendliche Kopf- und Kieferschmerzen, in Verspannungen und Verhärtungen am Kiefer. Wann ist Zähneknirschen noch unbedenklich, wann behandlungsbedürftig?

Knirschen mit Milchzähnen…

Knirschen Kinder im Milchzahnalter mit ihren Zähnen, kann dies durchaus gewöhnlich und sogar physiologisch sinnvoll sein. Weil der Schädel wächst und die neuen Zähne für das bleibende Gebiss insgesamt größer sind, passen die Milchzähne eines Tages nicht mehr richtig zusammen. Deshalb ist es biologisch nützlich, die störenden Höcker der Milchzähne abzuschleifen, also durch Knirschen und Pressen einzuebnen. Biologisch betrachtet ist das Milchgebiss ein Abrasionsgebiss, was bedeutet: Es ist vorgesehen, dass sich die Milchzähne ein bisschen abschleifen – „abradieren“, wie Zahnärzte sagen.

„Zähneknirschen ist bei Babys und Kleinkindern im Milchgebiss ein Entwicklungsphänomen, das ganz natürlich ist – die Zähne passen sich dadurch aneinander an. Kleinkinder haben meistens Spaß am Knirschen und Mahlen mit den Zähnen, um auf diese Weise ihre neuen Zähne spielerisch im Mundraum zu entdecken“, erklärt Dr. Esch.

… und mit bleibenden Zähnen

Klar, nicht nur im Milchzahnalter ist Zähneknirschen ein Thema – in den Jahren des Durchbrechens der bleibenden Zähne sowie mit vollständigem Erwachsenengebiss kann Bruxismus ebenfalls auftreten. Entscheidend ist, dass die Zähne dabei keinen Schaden nehmen, schließlich sollen sie das gesamte weitere Leben lang halten. „Zähneknirschen und Zähnepressen bei älteren Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen weist auf eine Überfunktion der Kiefermuskulatur hin. Hier ist eine Untersuchung beim Zahnarzt sowie eine Klärung der Ursachen und Folgen sinnvoll“, rät Dr. Esch.

Folgen des Knirschens

Neben den bereits angesprochenen Beschwerden wie Kopf- und Kieferschmerzen können die enormen Kräfte, die beim Knirschen auf die Zähne und Kiefer wirken, sowohl vorübergehende als auch irreversible Zahn- und Gewebeschäden sowie Kiefergelenkserkrankungen hervorrufen: „Verspannungen der Kaumuskulatur können sich auch auf die Nackenmuskulatur und Rückenmuskulatur übertragen, Muskelverspannungen und Migräne treten auf. Sichtbare Folgen von Bruxismus sind abgeschliffene oder gar abgebrochene Zähne. Die Kaumuskulatur kann sich durch die hohe Belastung deutlich vergrößern, sodass schmerzhafte Verhärtungen entstehen; an den Kiefergelenken können durch die Dauerbelastung Veränderungen entstehen, die das Öffnen des Mund erschweren und hierbei zu Knackgeräuschen führen“, so Dr. Esch.

Durch extremes Mahlen nutzen sich die Kauflächen ab, besonders die Höcker auf den Backenzähnen können gefährdet sein. Normalerweise liegen bei geschlossenem Mund die Backenzähne des einen Kiefers auf bestimmten Kontaktpunkten der Zähne des Gegenkiefers – oder man hält einen Abstand von einigen Millimetern in der Ruheschwebelage ein. Dies sorgt für Entspannung, Harmonie und ein entlastetes Kiefergelenk. Reiben sich diese Kontaktpunkte jedoch durch nächtliches Zähneknirschen ab, passen die Höcker der gegenüberliegenden Zähne möglicherweise nicht mehr perfekt zueinander.

Zahnarzt & Kieferorthopäde erkennen’s

„Auf ungesundes Zähneknirschen können folgende Symptome hindeuten: Starke Abrasionen der Zähne, Ermüdungserscheinungen der Kaumuskulatur, vorübergehende Kopfschmerzen im Schläfenbereich, überempfindliche Zähne am Morgen, Knacken oder Blockierungen im Kiefergelenk, Zahnabdrücke am Zungenrand oder Schmelzrisse“, erläutert Dr. Esch.

Der Zahnarzt kann abklären, ob sich die Beschwerden tatsächlich auf Zähneknirschen zurückführen lassen. Die Diagnose ist ein mehrstufiger Prozess: Zunächst sind andere Schmerzursachen im Bereich der Zähne, der Mundschleimhaut und des Zahnfleisches ausschließen. In den nächsten Schritten erfolgt die klinische und instrumentelle Funktionsanalyse: Liegt eine Kieferfehlfunktion vor, die Schmerzen verursacht und den Kiefer überlastet?

Bei einer tatsächlichen vorhandenen Überlastung tastet der Mediziner die Kaumuskulatur ab und kontrolliert, ob und welche Geräusche das Kiefergelenk produziert. Er überprüft zudem, wie sich der Unterkiefer bewegt und zu welchen Zahnkontakten es kommt. Zahnmodelle können neben der Stellung der Kiefer auch festhalten, wie die Zähne beim Kauen
zueinander stehen.

Ursachen: Dental oder psychisch

Für das Zähneknirschen gibt es zwei Ursachen, wie Prof. Dr. Dr. Ralf J. Radlanski, Direktor der Abteilung für Orale Struktur- und Entwicklungsbiologie am Charité Centrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde Berlin, erklärt: „Eine dentale Ursache liegt vor, wenn die Zahnstellung und die Kiefergelenksfunktion nicht kongruent sind, oder wenn ein einzelner Zahn stört.“ Der Patient mache dann um die störenden Zähne herum Ausgleichsbewegungen, die nicht zum Kiefergelenk passen – oder es werde an den störenden Zähnen unbewusst herumgerieben und herumgeschliffen. Dies habe am Ende Muskelkater in den Kaumuskeln, Fehlbelastungen im Kiefergelenk und tatsächlich Abschliff an den Zähne zur Folge. „Wenn die Kieferknochen nicht gleichmäßig wachsen, passen die Zähne auch zeitweise bei Jugendlichen nicht detailgenau zusammen.

So können Beschwerden dieser Art auch während des jugendlichen Wachstums des Kiefers vorübergehend auftreten und nach einigen Jahren wieder vergehen“, sagt Prof. Radlanski. Dauern die Beschwerden lange an, ist der Zahnarzt gefordert: Zum Teil seien aber auch Fehlstellung der Zähne und der Kiefer oder schlecht sitzende Füllungen, Kronen, Brücken oder Prothesen für den Bruxismus verantwortlich.

„Die zweite Ursache ist die psychische: Die ist schon in der Bibel beschrieben, quält die Menschheit also schon lange – hier helfen nur psychische Therapien, Selbstkontrolle und Körperwahrnehmung“, so Prof. Radlanski. Ein weit verbreiteter psychischer Grund für das Knirschen ist Stress. Diese Ursache nimmt an Bedeutung zu, die Erfahrungen langjährig aktiver Zahnärzte und Kieferorthopäden zeigen, dass unsere moderne Gesellschaft bereits auf Kinder immer mehr Druck ausübt – im wahrsten Sinne des Wortes.

Individuelle Therapie „Liegt eine dentale Ursache vor, sind also bei Kindern und Jugendlichen beispielsweise das Wachstum der Kiefer und die Zahnstellung zeitweise nicht kongruent, bietet sich eine Stellungskorrektur der Zähne an“, sagt Prof. Radlanski. Sind ungenau sitzende Füllungen, Kronen, Brücken oder Prothesen für den Bruxismus verantwortlich, kann bereits eine Korrektur dieser Elemente das Zähneknirschen beenden.

Liegen dem Knirschen hingegen psychische Faktoren zugrunde, nimmt die Therapie deutlich mehr Zeit in Anspruch – schließlich gilt es, die Ursachen genau zu erforschen und dauerhaft zu eliminieren. Bei Knirschen infolge übermäßigen Stresses sollten Betroffene möglichst rasch einen Weg aus der belastenden Situation finden und der Entstehung neuen Stresses vorzubeugen. Was Stress genau ist, warum er in positiven und negativen Stress unterteilt wird und wie sehr sich kindlicher Stress auf die Gesundheit als Erwachsener auswirkt, lesen Sie ab S. 18.

Doch zunächst geht’s weiter mit dem zweiten Teil des Themenschwerpunkts Bruxismus: Erfahren Sie mehr über die Aufbissschiene als Akutmaßnahme bei Bruxismus sowie über die Wirkung progressiver Muskelentspannung auf das nächtliche Zähneknirschen.

Bitte-lächeln-Tipp: Regelmäßige Prophylaxe und Kontrollbesuche in der zahnärztlichen Praxis sind entscheidend – nicht nur zur Erhaltung der Zahngesundheit, sondern auch besonders zur frühzeitigen Erkennung von Bruxismus: Zahnmediziner achten auf so genannte Schliff-Facetten und Schmelzrisse. Diese Zahnschäden zeigen, dass der Patient offensichtlich seine Zähne zusammenbeißt, sie aufeinander presst oder mit ihnen knirscht.