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Kinder im Stress

Häufige Ursache für Bruxismus – Auswirkungen auf die Gesundheit als Erwachsener Schule und Hausaufgaben, danach zur Nachhilfe, in den Musikunterricht oder zum Ballett: Mitunter sind die Tage unserer Kinder ganz schön mit Terminen vollgestopft und durchgetaktet. Hierfür haben die Medien die Bezeichnung „Generation Stress“ entwickelt – doch was ist Stress eigentlich, wie hängt er mit dem nächtlichen Zähneknirschen zusammen und welche Auswirkungen hat kindlicher Stress auf die Gesundheit als Erwachsener?

Positiver und negativer Stress Stress ist grundsätzlich nichts Schlechtes: Mit seiner Hilfe bewältigen wir körperlich oder geistig herausfordernde Situationen – daher ist diese Art von Stress als positiver Stress bekannt. Er ist also normal und nicht als direkt schädlich für die Gesundheit zu sehen. Im Gegenteil: „Nehmen Sie Ihrem Kind nicht alles ab – durch manche Herausforderungen sollte es selber durch, das fördert die Hirnentwicklung“, sagt Prof. Dr. Ulrich T. Egle, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie aus Freiburg.
Bedenklich sei es jedoch, wenn sich die belastende Situation über einen längeren Zeitraum erstreckt und der Körper aus dem Druck gar nicht mehr richtig herauskommt – wenn so genannter negativer Stress entsteht. „Nächtliches Zähneknirschen kann dann eine Entlastungsaktion sein und als Stressventil wirken – ähnlich anderen körperlichen Betätigungen wie beispielsweise Sport“, verdeutlicht Prof. Egle.

Kindlicher Stress kann vielfältige Ursachen haben, neben den eingangs erwähnten überfrachteten Tagen beispielsweise die Erwartungshaltungen anderer Personen an das Kind, Probleme im gesellschaftlichen Umfeld wie mobbende Klassenkameraden oder Nachbarskinder sowie eine gestörte Familienatmosphäre. Diese Aspekte führen zu einem Gefühl der Überlastung – Angst, Wut, Reizbarkeit, Traurigkeit oder Ungeduld können die Folge sein. Übrigens: „Studien sagen, dass kleine Jungen grundsätzlich stressempfindlicher reagieren als Mädchen, in der Pubertät kehrt sich die Geschlechterbetroffenheit dann um“, weiß Prof. Egle.

Wann Stressabbau durch nächtliches Zähneknirschen gewöhnlich und wann schädlich, ist eine Frage der Ausprägung: Gelegentliches Knirschen kann normal sein – hält der Zustand aber an, verfestigt er sich und führt zu Schädigungen, wie beispielsweise zu zerstörten Zähnen, ist unbedingt zu handeln. Fragen Sie im Zweifelsfall bei Ihrem Kinderzahnarzt oder Kieferorthopäden nach!

Auswirkungen auf das Erwachsenenleben Intensiver Stress in der Kindheit kann nicht nur Bruxismus fördern, sondern hat nach Ansicht von Wissenschaftlern auch erhebliche Auswirkungen auf das spätere Leben als Erwachsener: Neurobiologen und Fachärzte für Psychosomatik konnten zeigen, wie aus erheblicher frühkindlicher Stressbelastung – körperliche bzw. sexuelle Gewalt, schwierige Scheidung der Eltern, Alkohol- und Drogenmissbrauch der Eltern – eine ganze Reihe an Spätfolgen entstehen kann, bis hin zu einer eingeschränkten Lebenserwartung. Und noch etwas sei zu beobachten, so Prof. Egle: „Bei der Bewältigung von Alltagskonflikten verwenden Menschen mit belasteter Kindheit verstärkt unreife Konfliktbewältigungsstrategien, die das individuelle Stresserleben verstärken.“

Vorbeugung entscheidend! Damit eine Stressbelastung im Kindesalter weder zu nächtlichem Zähneknirschen noch zu psychobiologischen Narben führt, ist laut Prof. Egle frühzeitiges Einschreiten wichtig: „Zu den Vorbeugemaßnahmen von psychisch bedingtem Bruxismus bei Kindern und dessen vielfältigen Folgen für das Erwachsenenleben gehört einerseits die Vermeidung von ungesundem kindlichen Stress, andererseits die Förderung von emotionaler Nähe und körperlicher Geborgenheit – besonders in den entscheidenden ersten beiden Lebensjahren.“

Für eine gesunde Kindesentwicklung ist Kuscheln eine wahre Wohltat: Der Cortisolspiegel im Blut reduziert sich, dadurch ist die Stress-Resistenz höher. Zudem bildet sich das stresshemmende Hormon Oxytocin – landläufig als „Kuschelhormon“ bekannt. Knuddeln Sie Ihre Kinder doch gleich mal von Herzen!

Bitte-lächeln-Tipp: „Was positiver und was negativer Stress ist, lässt sich nicht allgemein beantworten. Eine Situation, die bei dem einen Kind positiven Stress auslöst, kann auf ein anderes ungesund wirken – daher gibt es keine einfachen Schema-F-Lösungen“, so Prof. Dr. Ulrich T. Egle.